Wieviel Struktur bleibt eigentlich nach einem 'echten' Winter mit Schneelast und Winternässe von Gräsern im Garten übrig? Wir haben uns in Norddeutschlands Gärten umgesehen.
Januar und Februar
2026 – das waren seit vielen Jahren einmal keine November 2.0 und 3.0 sondern
Wintermonate im klassischen Sinne: Mit geschlossener Schneedecke und lange
anhaltendem, teils sogar strengem Frost. Jetzt, wo Schnee und Eis im Tiefland teils mehrfach getaut sind bzw. auch zwischendurch wahlweise weggeregnet wurden, ist allerdings abseits der Blumengeschäfte noch immer kein Frühlingserwachen in Sicht.

Straff oder schlaff? Strukturbildende Gräser
vertragen Schneelast und Winternässe nicht gleichermaßen gut und quittieren Schneelast unterschiedlich (Bild links: Strukturstark auch nach mehreren Schnee-Tau-Perioden: Chinaschilfe (Miscanthus) sowie im Hintergrund Schilfgras (Phragmites); Bild rechts: Gräsermikado bei einer flächigen Pflanzung von Calamagrostis x acutiflora 'Karl Foerster')
Und was da als Garten
jetzt wieder zum Vorschein kommt, das ist in den meisten Fällen nicht
besonders ansehnlich.
Richtig, das winterliche Gartenbild hat eine
einzigartige Bildwirkung:
In den allermeisten
Fällen ist diese Wirkung aber ganz anders als in auch ohne Schneelandschaft
schönen winterlichen Farbpaletten wie sie zum Beispiel in dem tollen Winter-Schokoladenseiten-Bildband
‚Gärten im Winter‘ von Céderic Pollet (Ulmer Verlag) oder auch in unserem Beitrag auf der Webseite zur Pflanzenverwendung ‚Winter im Garten? Nicht nur düster und kahl!‘ beschrieben und angepriesen
wird.

Klassiker und Preziosen im winterlichen Garten (von oben rechts im Uhrzeigersinn): Cornus alba 'Sibirica' (Rotrindiger Hartriegel), Hamamelis x intermedia 'Diane' (Zaubernuss), Betula jacqueontii (Himalaja-Birke), Cotoneaster-dammeri-Sorte (Zwerg-Kriechmispel) und das langhaftende, kupferfarben verfärbte Laub der Rot-Buchen (Fagus sylvatica) - fehlt nur noch ein Schuss Immergrün in Form von Taxus (Eibe) oder meinetwegen auch Rhododendron ... und wo bleiben die Gräser?
Nicht in jedem Garten leuchtet eine weißrindige Betula utilis ‚Doorenbos‘
oder Betula jacquemontii (s.o., wenn nicht, bitte gleich auf To-Do-Liste ergänzen: Im
Frühjahr Betula utilis ‚Doorenbos‘ oder Betula jacquemontii pflanzen!). Trost
und Struktur spenden meist Immergrüne und das hoffentlich langhaftende
kupferfarbenen Herbstlaub der Rot-Buchenhecken (Fagus sylvatica).
Auch die vielgepriesenen Fruchtstände und Stängel der (vorbildlich!) nicht im
Herbst zurückgeschnittenen Stauden sind nach dem Schneeüberzug vielfach zu
einem verrottendem Mulchhaufen zusammengesunken.

Präriepflanzung nach
dem Abtauen:
Nur die Stängel einiger Asteraceae
(hier: Rudbeckien und
Sonnenhut)
stehen noch aufrecht
Doch wie sieht es mit Gräsern aus? Können nicht diese unsere Pflanzungen im
Sommer und Herbst um Schwingung, Transparenz und Struktur bereichernde
Gestalten auch jetzt im späten Winter optisch und strukturell etwas ‚reißen‘?

Das Japanische
Blutgras (Imperata cylindrica ‘Red Baron‘) besticht noch im späten Herbst mit bereiften Blättern und hat die in Norddeutschland letzten milden Wintern überlebt. Ob da aus
dem Mulchhaufen (Bild rechts) in diesem Frühjahr irgendetwas austreiben wird?
Ein Blick in den eigenen Garten und in die Gärten in der Nachbarschaft
zeigt: Kommt darauf an! Während ‚nur‘ Raureif für zauberhafte Gartenbilder mit
allen Gräsern sorgt, sind bei weitem nicht alle Gräser bei Schneelast oder
ausgeprägter Winternässe ausreichend standfest.
Bei Überlegungen zur Gräserverwendung kann jedoch nicht nur die Frage „sieht
im Winter gut aus/ nicht gut aus“ eine Rolle spielen. Für die Auswahl eines
bestimmten Grases können mit Blick auf die Standfestigkeit auch funktionale
Gründe bedenkenswert sein.

Bambushalme sind
unerhört biegsam. Bei Schneelast lagern die Halme insbesondere der hohen
Sorten, einzelne Halme können jedoch auch brechen. Hier werden Bambus im
Botanischen Garten Hamburg nach Schneelast ausgeputzt und abgeknickte Halme
abgeschnitten. Bild oben rechts: Die niedrigeren Fargesia-Sorten können mit Blick auf Standfestigkeit bei Schneelast und das leidige Thema der Wurzelsperre gegenüber Phyllostachys-Sorten die bessere Wahl sein
So lagern beispielsweise höhere Bambus-Arten und -Sorten (z.B. Phyllostachys-Sorten)
bei Schneelast gnadenlos. Nach Entlastung stehen die sehr elastischen Halme
zwar überwiegend wieder straff aufrecht – aber eben nur überwiegend.
Nach eigener Beobachtung knicken einzelne Halme tatsächlich ab oder bleiben
auf Halbmast. Diese Halme sollten dann sinnvollerweise abgeschnitten werden.
Das Lagerungsproblem bei Schneelast ist vor allem bei größeren Bambushorsten
oder Bambushecken nicht zu unterschätzen: Die Inanspruchnahme einer erstaunlich
großen Fläche durch die langen niedergedrückten Halme kann Wege versperren oder
dazu führen, dass sich Halme (was erlauben Bambus!) auf Nachbargrundstücke
niederlegen.
Da hilft dann nur das regelmäßige Abschütteln der Schneelast –
bzw. bereits bei der Pflanzenauswahl die Wahl standfesterer, niedrigeren Arten wie
Fargesia – die als horstbildende Arten sogar eine Rhizomsperre enbehrlich
machen.

Höhere Gräser in Reihe
gepflanzt können als halbtransparente Hecken Gartenbereiche gliedern oder
Terrassenflächen locker abschirmen und abgrenzen. Chinaschilfe sind bei
schneereichen Wintern nach den Erfahrungen aus dem Winter 2025/ 2026 die
sicherere Wahl gegenüber dem Garten-Reitgras, das zumindest in Teilen nach Schneelast auf dem Boden liegen bleibt
Ein weiteres Beispiel für Fragestellungen nach der Funktionalität einer
Gräserpflanzung bei der Pflanzenauswahl ist das viel verwendete Garten-Reitgras
(Calamagrostis x acutiflora ‘Karl Foerster‘) und weitere Calamagrostis-Sorten.
Das Gras zeichnet sich durch seine bis in den Herbst/ Winter straff
aufrecht stehende und bei ausreichend sonnigem Standort für gewöhnlich standfeste
Halme aus. Kunststück, dass dieses strukturstarke Gras so gerne verwendet wird,
das als Kaltsaisongras auch noch mit frühem Austrieb punktet. Als
halbtransparente Gräserhecke geplant und gepflanzt, kann die erhoffte Trenn-
und Gliederungsfunktion nach Schneelast nach Beobachtungen in diesem Jahr
jedoch durch überwiegend umgeknickte Halme verloren gehen.
Im Bildbeispiel oben wurden Calamagrostis großflächig als Gräserhecke auf einen Erdwall gepflanzt, um den Einblick in die dahinterliegenden Gärten und Wohnzimmer zu verringern: Diese Funktion kann nun nach Schneefall für den Rest des Winters nicht mehr erfüllt werden.
Kommt es auf die Abschirmfunktion hauptsächlich während der Garten- bzw.
Terrassensaison an, dürfte dies jedoch verschmerzbar sein. Wenn nicht, kann der
Griff zu einer nicht zum Abknicken neigenden Chinaschilf-Sorte die bessere Wahl
sein – mit dem Nachteil des späteren Neuaustriebs im Frühjahr.

Bild links:
Winterschutz der Horste von Cortaderia selloana mit Reisig im Botanischen
Garten Hamburg, Bild rechts: Zusammengebundenes Chinaschilf oder doch ein
Langhaarmonster im Regen?
Ein Behelf gegen auseinanderfallende Pflanzen ist das Auf- bzw.
Zusammenbinden der Halme. Ob derartige Gestalten das winterliche Gartenbild
wirklich bereichern oder eher der Eindruck von in-den-Regen gekommenen
Langhaarmonstern entsteht: Das überlassen wir der Geschmacksache.
Standfest und mit guter Winterstruktur
- oder nicht?
Vereinfacht aus Beobachtungen und Fotos in der Nachbarschaft aus dem Zeitraum zwischen Ende Januar bis Mitte Februar 2026 und ohne Anspruch auf Vollständigkeit (oder anderslautende
Erfahrungen!) sollen Gräser mit Blick auf die Winterstandfestigkeit (Schnee/ Nässe)
in drei Gruppen eingeteilt werden:
Gruppe 1:
Nicht standfeste Gräser nach Winternässe und Schneelast
Gräser aus dieser Gruppe eignen sich nach Schneelast oder Winternässe nicht als winterliche Strukturbildner:

Gruppe 1 mit nicht standfesten Gräsern (von links oben im Uhrzeigersinn): Calamagrostis varia, Hakonechloa macra 'Aureola', Imperata cylindrica 'Red Baron', Molinia arundinacea, Molinia caerulea
- Calamagrostis varia (Berg-Reit-Gras): Nach Schneefall
platt daniederliegend
- Hakonechloa macra ‘Aureola‘ (Japan-Goldbandgras): Liegt es am Standort? Im
Gegensatz zur Art (Gruppe 3) war vom Fotomodell (s.o) nach dem Abtauen der
Schneedecke statt Goldband nur noch feuchter Mulch übrig
- Imperata cylindrica ‘Red Baron‘ (Japanisches Blutgras):
Nach Winternässe und
Schneelast bleibt nur noch matschiger Mulch
- Molinia caerulea und Molinia
arundinacea und Sorten (Pfeifengräser): Strukturstark und standfest bis in
den Herbst, nach Schneelast und bei Nässe leider komplett flachliegend
Gruppe 2:
Mäßig standfeste Gräser mit eher wenig attraktiver Struktur nach Winternässe und Schneelast
Arten aus dieser Gruppe sind wenig standfest und zeigen nach Schneelast/
Nässe zwar wenig (höhere/ straffe) Struktur, machen aber auch nicht den
Eindruck eines nassen ‚Mulchhaufens‘:

Zu Gräsern der Gruppe zwei mit mäßiger Standfestigkeit zählen wir (von oben links im Uhrzeigersinn): Ammophila arenaria, Calamagrostis x acutiflora-Sorten, Cortaderia selloana, Deschampsia cespitosa-Sorten, Leymus arenarius und Panicum virgatum in Sorten
-
Ammophila arenaria (Strandhafer), Strandhaferflächen im sind im Winter niederliegend teils in
ungeordneten Grasschopf-Haufen, die bei flächiger Verwendung aber die Fläche gut bedecken
- Calamagrostis x acutiflora ‘Karl Foerster‘ und weitere Sorten (Reitgräser): Ohne große Schneelast überdauern die straffen
Stängel der Reitgräser die Vegetationsruhe bis zum zeitigen Rückschnitt im
Frühjahr – mit Schneelast jedoch nicht sicher bzw. teils-teils
- Calamagrostis brachytricha (Diamantgras): Mehr oder weniger zusammengesunkene
Grasschöpfe
- Cortaderia selloana (Pampasgras): Die großen
Grasschöpfe vom hohen Pampasgras sind im Winter strukturstark, benötigen aber
ggfs. einen Winterschutz – die charakteristischen wie imposanten Blütenwedel
knicken bei stärkerem Schneefall häufig leider ab; dieses Solitärgras gilt bis etwa
-10°C als winterhart
- Deschampsia cespitosa und Sorten
(Wald-Schmiele): Die horstartigen, wintergrünen Grasschöpfe wirken im Winter
ohne die füllig-fedrig-wolkige Anmutung der sommerlichen Blütenstände in der
Pflanzfläche ein wenig verloren und sind kaum strukturbildend
- Leymus arenarius (Strand-Roggen, Blau-Strandhafer): Das Gras ist eigentlich wintergrün - oder besser gesagt winterblau. Die typische Blaufärbung ist zumindest in
diesem schneereichen und frostigen Winter 2025/26 in Norddeutschland weg. Die
Fläche bleibt bedeckt, die verbliebenen, unordentlich wirkenden verblassten Laubhaufen fügen dem Gartenbild jedoch nicht wirklich eine wünschenswerte
Struktur hinzu – und sollten, obwohl dieses Gras eigentlich nicht zurückgeschnitten werden muss, im Frühjahr entfernt werden, um den frischen
Austrieb freizustellen
- Panicum virgatum in Sorten (Rutenhirse): Hier sind
Unterschiede je nach Standort und Sorte zu beobachten: Feinhalmige Sorten mit
straffen Stängeln wie ‘Strictum‘ stehen noch aufrecht und gehören in die Gruppe
3 mit guter Winterstruktur, während andere Sorten wie ‘Külsenmoor‘ (oben im Bild untere Reihe links) als Gräserschopf geknickt niederliegend
Gruppe 3
Standfeste und mehr oder weniger strukturhaltende Gräser auch nach Winternässe und Schneelast
Die in diese Gruppe einsortierten Arten scheinen nach dem Verschwinden der
Schneedecke und/ oder längeren winterlichen Nässeperioden ausreichend standfest zu sein und zeigen eine mindestens akzeptable bis gute winterliche Struktur in Pflanzungen:


Die Gruppe der ausreichend standfesten Gräser als mindestens akzeptable winterliche Strukturbildner in der Pflanzung ist gar nicht so klein (von oben links im Uhrzeigersinn): Panicum in Sorten, Miscanthus sinensis in Sorten, Cortaderia selloana (niedrige Sorten), Hakonachloa macra, Carex pendula, Carex morrowii C. foliosissima in Sorten, Luzula sylvatica, Sesleria autumnalis, Stipa gigantea, Stipa tenuissima (letzte beide Bilder)
- Carex foliosissima u. Sorten (Teppich-Japan-Segge): Immergrün,
wertvoller Bodendecker im winterlichen Garten
- Carex morrowii u. Sorten (Japan-Segge): Immergrün,
wertvoller Bodendecker im winterlichen Garten
- Carex pendula (Riesen-Segge):
Immergrüne Schöpfe
- Cortaderia selloana in niedrigen Sorten wie 'Pumila‘ (Pampasgras): Es finden sich Exemplare mit ausgesprochen starkem Winterbild trotz Schnee und
Nässe, jedoch kann für dieses Gras ggfs. Winterschutz
erforderlich sein
- Hakonechloa macra (Japan-Waldgras): Echte
Stehauf-Gräser durch ihre drahtartigen Stengel, auf denen die Blätter für eine
lange Zeit gold-strohgelbe Blattfärbung zeigen, bevor sie zum Ende des Winters
verblassen
- Miscanthus in Sorten (Chinaschilf): neben niedrigen Pampasgras-Sorten Benchmark
für hohe strukturbildende Gräser im Winter, ähnlich gute Winter-Anmutung wie
Phragmites-Flächen
- Luzula sylvatica (Wald-Marbel):
Das immergrüne Gras ist als verlässlicher Bodendecker in den Lebensbereichen
Gehölz/ Gehölzrand wertvoll im winterlichen Garten
-
Pennisetum in Sorten (Lampenputzergras): Mehr oder weniger ansehnliche Gräserschöpfe, die
aber zumindest nicht platt ausgegrätscht auf dem Boden liegen
- Sesleria autumnalis (Herbst-Kopfgras): Die Blütenstände
sind lange weg, aber die wintergrünen Gräserhorste stehen auch nach Schneelast ausgesprochen stabil und noch ansehnlich
- Stipa gigantea (Riesen-Federgras): Die
typischen hoch über der Basis schwebenden Blütenrispen sind natürlich längst
zusammengeknickt, der wintergrüne graugrüne Gräserhorst steht aber durchaus
strukturstark in der Pflanzfläche
- Stipa tenuissima, Stipa ‘Pony Tails‘ (Federgras):
Federgräser zählen zu den Gräsern, die normalerweise nicht zurückgeschnitten
werden. Flächig gepflanzt wirken die Flächen durch einzelne platt gedrückte
Pflanzen nach Schneelast zwar etwas durcheinander – insgesamt bietet dieses Gras aber durchaus
eine noch akzeptable winterliche Struktur
Aus gärtnerischer Sicht sind natürlich auch die nicht so standfesten Gräser weder Drama noch Problem: Denn je nach Witterung und Lust auf Gartenarbeit werden die allermeisten Gräser ab etwa Mitte
Februar bis Anfang März ohnehin zurückgeschnitten - auch, um für die Zwiebelblühern die Bühne zu räumen.

Funktioniert gut: Narzissen (hier: Top-Sorte 'Ice Follies', Blüte ab etwa Ende März) beleben die Pflanzplätze der bereits zurückgeschnittenen hohen Miscanthus, die mit ihrem Neuaustrieb wiederum die abgeblühten Narzissen kaschieren
Wenn Sie sich jetzt fragen: Welche Zwiebelblüher? - dann kramen Sie noch einmal die Garten-To-Pflanz-Liste hervor, auf der schon die Himalaja-Birke steht. Ihre Baumschule Bradfisch liefert nicht nur die schöne Birke sondern erfüllt Ihnen im nächsten Herbst auch sehr gerne alle Blumenzwiebelwünsche ;-)